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Der Blues und seine Preise: ein Blick hinter die Kulissen

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Der Blues und seine Preise

Bis vor ein paar Jahren gab es für heimische Blueskünstler/innen nicht einmal Blumentöpfe zu gewinnen. Doch die Zeiten haben sich geändert, allein in Deutschland wurden seit 2012 etwa 150 Bluesauszeichnungen verliehen und die Nominierungen gehen stramm auf die 1.000 zu. Mittlerweile gibt es zwei German Blues Awards, Blues Lifetime Awards und anderes mehr. Manche Musiker/innen zieren die eigene Vita gar mit Preisen, die nie gewonnen wurden. bluesnews wagt einen Blick hinter die Kulissen.


Gigantisches Angebot
Das Angebot ist gigantisch. Über rund 1.000 jährliche Musikpreise und Wettbewerbe informiert der Ausschreibungskalender des deutschen Musikinformationszentrums (MIZ) unter www.miz.org. Die Palette reicht von der deutschen Meisterschaft im Jagdhornblasen und den Flötenwettbewerb für Amateure bis hin zu mit mehreren zehntausend Euro dotierten Jazz- und Klassik-Auszeichnungen. Und der Blues? Eine entsprechende Stichwortsuche fördert in der MIZ-Übersicht lediglich die German Blues Challenge, die German Blues Awards sowie den seit 1984 existierenden Liederpreis vom Verein Deutschsprachige Musik zutage. Mit Letzterem wurde aber nur einmal ein Bluessong ausgezeichnet (von Stefan Stoppok). Was ist mit all den anderen Preisen, auf die heimische Bluesmusiker/innen – teils zurückreichend bis in die 70er-Jahre – in der eigenen Vita verweisen? Beginnen wir mit einer Spurensuche.


Die ersten deutschen Bluespreise
In der spärlich vorhandenen Literatur zur heimischen Bluesszene finden sich lediglich vage Hinweise und bei Informationen aus dem Internet ist durchaus Skepsis angebracht. Laut Wikipedia „etablierte Richard Bargel den ersten deutschen Blues Award“, wobei es sich um den viermal überreichten Talkin’ Blues Award handelte. Die gleichnamige Konzertreihe mit anschließender Gesprächsrunde, 1992 initiiert von Richard Bargel und Christian Rannenberg, fand bis 2000 in Köln statt. Aus dem Pool der musikalischen Talkin’-Blues-Gäste wählten die Besucher/innen ab 1997 ihre monatlichen Favoriten und die mit den meisten Stimmen – Tom Principato, Mighty Sam McClain, das Duo Steve Baker & Abi Wallenstein sowie die Dave Hole Band – wurden automatisch zum jeweiligen Jahressieger gekürt.

Ein paar Monate mehr auf dem Buckel hat allerdings der weiterhin existierende „Blues Louis“, der seit dem Herbst 1997 alljährlich im Rahmen des Lahnsteiner Bluesfestivals überreicht wird (Ausnahmen 1998 und 2001). „Ein reiner Bluespreis ist es aber nicht“, stellte Tom Schroeder von der Festival-Projektgruppe, die über die Vergabe entscheidet, im Gespräch mit bluesnews klar. Dies macht auch die Übersicht der Geehrten deutlich. Neben Bluesmusikern wie Bill Wyman, Abi Wallenstein, Todor Todorovic oder Klaus Kilian zählen auch Personen aus anderen künstlerischen Bereichen zu den Gewinnern.

Weniger wahrgenommen wurde der ebenfalls in den 90er-Jahren installierte Blue Bird Award, mit dem das Bluesforum Rhein-Neckar (heute Muddy’s Club, Weinheim) unter anderem den im Januar 2017 verstorbenen Gerd Huke (früherer Leiter des Festivals Blues & Jazz Open Wendelstein) ehrte. Dieser Preis blieb ein ebenso kurzes Intermezzo wie der zum Jahrtausendwechsel gestartete Versuch der gezielten Nachwuchsförderung mit dem dreimal ausgeschriebenen „Dresden Blues Award – The Next Generation“.


Oft zitiert, aber nie gewonnen: der Preis der deutschen Schallplattenkritik
Den Angaben heimischer Bands und Künstler zufolge gab es deutsche Blues-Auszeichnungen aber schon viel früher. Über zwei Dutzend wollen inzwischen den Preis der deutschen Schallplattenkritik (PdSK) gewonnen haben – dies zurückreichend bis in die frühen 80er-Jahre. Bestätigt wurde dies von dem gemeinnützigen Verein auf bluesnews-Anfrage allerdings nicht. Die Bonner PdSK-Geschäftsstelle verwies auf das Preisträger-Archiv unter www.schallplattenkritik.de, welches für den Zeitraum 1981–2016 rund 400 Gewinner von Jahres- oder Ehrenpreisen ausweist. Davon entfielen lediglich sieben auf die Sparte „Blues & Bluesverwandtes“. Heimische Musiker und deren Alben finden sich nicht darunter, laut PdSK wurden im Bereich „Blues & Bluesverwandtes“ nur folgende Jahres- oder Ehrenpreise vergeben:

The Blues Band (1981)
B.B. King (1996)
Albert Collins (posthum 1996)
DVD-Set „Martin Scorsese Presents The Blues“ (2005)
CD-Reihe „Blowin’ The Fuse: R&B Classics That Rocked The Jukebox“ (2005)
Ry Cooder (2012)
Thorbjørn Risager (2016)

Des Rätsels Lösung: Beim PdSK handelt es sich um einen Verein mit dem Namen „Preis der deutschen Schallplattenkritik e. V.“, für den rund 160 Rezensenten und Journalisten ehrenamtlich als Juroren tätig sind. Die ermitteln nicht nur alle zwölf Monate die Gewinner der Jahres- und Ehrenpreise, sondern nehmen vierteljährlich empfehlenswerte Produktionen in eine sogenannte „Bestenliste“ auf. Dies in bis zu 29 Sparten wie Klassik, Jazz, Oper, Pop, Hörbuch, Rock – und eben auch Blues.

Somit wurde kein einziger deutscher Blueskünstler MIT dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, sondern einige heimische Bluesproduktionen wurden VOM Verein „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ in eine der vierteljährlichen „Bestenlisten“ aufgenommen. Dass dies in Pressemitteilungen, sozialen Netzwerken und auf Künstler-Homepages anders dargestellt wird, dürfte kaum dem etwas sperrigen Vereinsnamen geschuldet sein. Immerhin steht auf den entsprechenden Urkunden etwas anderes.

Zudem ist der PdSK vor ein paar Jahren dazu übergegangen, zusätzlich zu jeder „Bestenliste“ eine sogenannte „Longlist“ mit sämtlichen CDs zu publizieren, die den Juroren zur Beurteilung vorlagen. Das führte zu einer wahren Flut an Pressemitteilungen, in denen Blueskünstler oder Plattenfirmen über eine angebliche Nominierung für den Preis der deutschen Schallplattenkritik informieren.


Deutscher Schallplattenpreis
Ob überhaupt je Blueskünstler mit dieser Auszeichnung bedacht wurden, war trotz aller Recherche-Bemühungen nicht verlässlich in Erfahrung zu bringen. Laut Wikipedia handelte es sich um einen „Medienpreis des Fono Forums, später der Deutschen Phono-Akademie, der von 1963 bis 1992 (…) in verschiedenen Kategorien verliehen wurde. Der Echo ist Nachfolger des Deutschen Schallplattenpreises.“ Heimische Blueskünstler wollen diesen Preis aber auch nach 1992 gewonnen haben, zuletzt – laut Pressemitteilung einer Plattenfirma – im Frühjahr 2017.


Bluespreise in der DDR
Wie bereits in bluesnews berichtet, war der Blues in der ehemaligen DDR kommerziell deutlich erfolgreicher als in der BRD. Stefan Diestelmann oder die Amiga Blues Band verkauften von einzelnen Alben rund 150.000 Exemplare, wie der Musikwissenschaftler Michael Rauhut im Buch „Ein Klang – Zwei Welten“ berichtet. Damit wurde die bis heute u. a. auch von Wikipedia publizierte These widerlegt, die LP „Zahltag“ von der Band Das Dritte Ohr sei mit etwa 30.000 Stück die bis heute „meistverkaufte deutsche Bluesproduktion“.

Zu Auszeichnungen führten aber selbst hohe Verkaufszahlen nicht. Rauhut, profunder Kenner der DDR-Musikszene, ist jedenfalls nichts von Bluespreisen bekannt. „Etliche DDR-Medien initiierten Kritiker-Polls oder baten ihre Leser und Hörer um die Abstimmung über ‚die beste Band‘, das ‚Album des Jahres‘ oder den ‚besten Instrumentalisten‘ – allerdings genreunspezifisch. Ab und zu rutschte auch ein Bluesmusiker durch, etwa Jürgen Kerth (‚bester Gitarrist‘), Hansi Biebl oder Stefan Diestelmann. Das war aber eher die Ausnahme. Auch Förderpreise (staatliche Finanzierung) gingen an die eine oder andere Bluesband, vorwiegend im Amateurbereich“, teilte er bluesnews auf Anfrage mit.


German-Boogie-Woogie-Award Pinetop
Zur jüngeren Generation der deutschen Blues-Auszeichnungen zählt der „German-Boogie-Woogie-Award Pinetop“. Der wurde nach Veranstalterangaben 2009 als erster deutscher Musikpreis für Boogie-Woogie ins Leben gerufen und wird seitdem alle zwei Jahre in verschiedenen Kategorien im Rahmen einer Gala in Bremen überreicht. Zu den bisherigen Preisträgern, jeweils ermittelt von einer dreiköpfigen Jury, zählen neben internationalen Musikern auch renommierte heimische Blues- und Boogie-Woogie-Künstler wie Chris Rannenberg oder Vince Weber, aber auch talentierte Nachwuchspianisten (Luca Sestak, Fabian Fritz u. a.).

Zwei German Blues Awards
Die ersten Preise mit diesem Namen wurden 2010 vom Baltic Blues e. V. ins Leben gerufen, der bislang 84 German Blues Awards überreicht hat. In zwei der bis zu zwölf jährlichen Kategorien werden die Gewinner durch „ein erweitertes Gremium“ des Eutiner Vereins ermittelt, wie auf dessen Homepage nachzulesen ist. In allen anderen Bereichen kommt ein zweistufiges Verfahren zur Anwendung, wobei zunächst durch eine Umfrage unter „Fachjournalisten, Veranstaltern, Produzenten etc.“ die Bands, Künstler/innen, Clubs und Festivals ermittelt werden, über die anschließend öffentlich im Internet abgestimmt werden kann.

Dass dabei ein umfangreiches Engagement der Auserwählten zumindest hilfreich ist, liegt auf der Hand. Wer während der rund vierwöchigen Online-Voting-Phase via Newsletter oder in sozialen Netzwerken um Stimmabgaben bittet, dürfte seine Erfolgschancen deutlich erhöhen. So verzeichnet der Baltic Blues e. V. nach eigenen Angaben jährlich „Tausende von Stimmabgaben“. Überreicht werden die German Blues Awards im Rahmen eines Festivals in Eutin.

Mit den Blues in Germany Blues Awards kamen 2014 weitere Preise hinzu, die unter anderem im Rahmen der Osnabrücker Maiwochen – mit bis 800.000 Besuchern eine der größten Freiluft-Musikveranstaltungen Deutschlands – verliehen wurden. Die Internetplattform Blues in Germany (BiG) wird von Michael Jungbluth betrieben. Heimische Musiker/innen können ihre CDs an BiG senden, Jungbluth wählt Songs daraus aus und spielt diese in einer Internet-Radiosendung ohne Moderation als Stream ab. Aus diesen CDs ermittelt der engagierte Musikliebhaber in verschiedenen Kategorien auch die Preisträger der jährlichen Blues in Germany Blues Awards. Dabei sei nicht allein die Musik entscheidend, denn „Öffentlichkeitsarbeit (Interviews u. a.) der Musiker und Bands findet auch Einfluss auf das Gesamtergebnis“, heißt es in den Regularien.

Jungbluth nimmt zahlreiche weitere Blues-Auszeichnungen vor und installierte zudem 2015 den ersten deutschen „Blues Lifetime Award“. Für ihre besonderen Verdienste um den Blues in Deutschland wurden bislang Tosho Todorovic, die Band Schwarzbrenner und posthum Georg Heym ausgezeichnet. Heym hat einst Prosawerke sowie Gedichte verfasst und verstarb 1912 – also in dem Jahr, in dem W.C. Handy „The Memphis Blues“ herausbrachte, der als erster veröffentlichter Bluessong gilt.


Deutschlands beste Rhythm'n'Blueser
Weit über 300 Preise gibt es alljährlich beim Deutschen Rock & Pop Musiker Verband (DRMV) zu gewinnen, ausgezeichnet werden im Rahmen der „Deutschen Rock & Pop Preise“ die drei Erstplatzierten in knapp 130 Kategorien. Fünf davon entfallen auf den Bereich „Rhythm’n’Blues“: bestes Album, bester Song, beste CD, bester Sänger und beste Sängerin. Besonderheit hier ist, dass sich Musiker/innen durch Zahlung von jeweils 30 Euro in den einzelnen Kategorien anmelden können. Sollten sie von der DRMV-„Bundesjury“ auf einen der ersten drei Plätze gewählt werden, fallen – erneut je Kategorie – weitere 100 Euro Teilnahmegebühr an. Ansonsten verfällt der Preis.


Swiss Blues Awards
Da bluesnews auch in der Schweiz erscheint, zum Schluss ein Blick in Richtung Süden. So wird der Swiss Blues Award seit 2003 jährlich verliehen, die Namen der bis zu drei Nominierten gibt die zehnköpfige Jury jeweils im Herbst bekannt. Die Auszeichnung des Gewinners erfolgt Anfang des Folgejahres beim Blues Festival Basel. Der Swiss Blues Lifetime Achievement Award wurde 2014 installiert und wird alle zwei Jahre ebenfalls beim Basler Festival verliehen. Über weitere internationale Bluespreise sowie über diverse Wettbewerbe wird bluesnews in einem gesonderten Artikel in einer der kommenden Ausgaben berichten.

20.12.2017 • Dirk Föhrs (Artikel aus bluesnews 92)




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